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Warum Wachstumsdenker die Nase vorn haben

Viele Kinder glauben, dass ihre Fähigkeiten feststehen – entweder man hat Talent oder nicht. Misserfolge wirken dadurch entmutigend. Doch was, wenn Wachstum nicht nur von Begabung, sondern vor allem von Übung und Ausdauer abhängt? Wie lernen Kinder, Fehler als Sprungbrett statt als Rückschritt zu sehen – und wie können Eltern und Trainer sie dabei unterstützen?

von: Theresa·
29d
·fertig·Relevanz: 9
Warum Wachstumsdenker die Nase vorn haben

Einleitung

Viele Kinder neigen dazu aufzugeben, wenn ihnen etwas nicht sofort gelingt – sei es beim Fahrradfahren, Rechnen oder Schach. Doch wie können sie lernen, dass Fehler kein Scheitern bedeuten, sondern ein wichtiger Schritt zum Erfolg sind?

Genau hier setzt das Konzept des Wachstumsdenkens (englisch: Growth Mindset) an, das die Psychologin Carol Dweck mit ihrer Forschung zu Motivation und Mindset geprägt hat. Menschen mit dieser Denkweise sind überzeugt, dass sie ihre Fähigkeiten durch Übung stetig verbessern können. Sie sehen Herausforderungen als Chancen, um zu lernen und zu wachsen.

Im Gegensatz dazu steht die statische Denkweise (englisch: Fixed Mindset): Menschen mit dieser Haltung schreiben Erfolg vor allem angeborenem Talent zu und glauben, dass sich Fähigkeiten nur begrenzt durch Übung weiterentwickeln lassen.

Wie sich diese Denkweisen im Alltag auswirken – und welchen Einfluss Eltern und Trainer darauf haben –, zeigen folgende Turnierbeispiele.

Zwei Beispiele aus dem Turnieralltag

Tom auf seinem ersten Schachturnier

Tom nimmt aufgeregt an seinem ersten Schachturnier teil. In den letzten Wochen hat er viel trainiert und hofft nun auf ein gutes Ergebnis. Doch nach der letzten Runde verlässt er den Spielsaal mit gesenktem Kopf. Sein Vater erwartet ihn bereits.

„Na, wie lief es? Hat mein schlauer Junge wieder gewonnen?“

„Die letzte Runde endete im Remis. Ich bin auf Platz 18 gelandet!“, sagt Tom mit gemischten Gefühlen. „Es waren aber auch 80 Kinder dabei.“

Sein Vater lächelt: „Das ist doch ein super Ergebnis — gerade für dein erstes Turnier. Toll gemacht! Wie hat denn Emilia abgeschnitten?“

„Erste, wie immer“, antwortet Tom und seufzt. Sein Vater nickt beeindruckt: „Wahnsinn, sie hat einfach ein Talent für alles!“

Tom nickt, doch innerlich zweifelt er. Vielleicht gehört er nicht zu den „Begabten“? Vielleicht bringt es gar nichts, sich weiter anzustrengen?

Auch Marie erlebt ein herausforderndes Turnier, doch ihr Umfeld reagiert anders…

Marie auf ihrem ersten Schachturnier

Marie ist 8 Jahre alt und spielt ihr erstes Schachturnier. Seit zwei Jahren liebt sie das königliche Spiel und freut sich darauf, endlich ihr Können unter Beweis zu stellen. Doch in ihrer ersten Partie trifft sie auf einen älteren, sehr erfahrenen Gegner. Nach einem langen, zähen Kampf muss sie sich geschlagen geben.

Marie ist frustriert. Sie hatte sich so viel Mühe gegeben – und trotzdem verloren. War es zu früh für ein Turnier? Vielleicht ist sie nicht gut genug für Schach?

Ihr Vater bemerkt ihren traurigen Blick und setzt sich zu ihr. „Weißt du, auch die besten Schachspieler der Welt haben viele Partien verloren, bevor sie erfolgreich wurden. Magnus Carlsen hat als Kind unzählige Male gegen seinen Vater verloren. Aber er hat sich jedes Mal gefragt: Was kann ich aus dieser Partie lernen?“

Marie schaut ihn skeptisch an. „Aber es fühlt sich einfach nicht gut an, zu verlieren.“

Ihr Vater nickt verständnisvoll. „Das stimmt. Aber Schach ist kein Spiel, das man in einem Tag meistert. Jeder Fehler hilft dir, besser zu werden. Ich bin stolz darauf, wie hart du trainiert hast und wie sehr du dich verbessert hast. Lass uns deine Partie anschauen und sehen, was du beim nächsten Mal anders machen kannst.“

Widerwillig, aber neugierig öffnet Marie ihr Notizbuch und geht die Partie noch einmal durch. Plötzlich erkennt sie, dass sie eine schwierige Taktik übersehen hatte, mit der sie sich hätte verteidigen können.

Mit einem neuen Blick und kritischeren Fokus auf taktische Möglichkeiten, startet sie in die nächsten Runden. Und dann passiert es: In einer späteren Partie entdeckt Marie genau die Art von Taktik, die sie vorher übersehen hatte – und setzt sie erfolgreich ein. Sie gewinnt. Aber diesmal ist das Beste daran nicht nur der Sieg, sondern die Erkenntnis, dass sie etwas Neues gelernt hat.

Tom verlässt das Turnier mit Zweifeln, während Marie erkennt, dass sie jeder Fehler weiterbringen kann. Der eine schaut auf das Ergebnis, die andere auf ihren Fortschritt.

Was sagt uns die Forschung?

Schüler, die an ihre eigene Weiterentwicklung glauben, sind motivierter, erzielen bessere Leistungen und haben langfristig mehr Erfolg. Die wachstumsorientierte Denkweise fördert nicht nur ihre akademische Entwicklung, sondern stärkt auch ihr soziales Zugehörigkeitsgefühl und ihr allgemeines Wohlbefinden. Eltern und Lehrkräfte spielen dabei eine zentrale Rolle, denn sie können mit ihrer Unterstützung und ihrem Feedback maßgeblich dazu beitragen, dass Kinder und Jugendliche ihr Potenzial entfalten.

Studien belegen: Wachstumsdenken bringt klare Vorteile

Eine umfangreiche Studie von Yeager und Kollegen (Yeager et al. 2016) mit über 9.500 Studierenden ergab, dass bereits eine kurze Einführung in das Wachstumsdenken langfristig zu besseren Lernerfolgen führen kann. Besonders Studierende aus sozial benachteiligten Hintergründen profitierten davon – sie erzielten bessere Noten, fühlten sich sozial stärker integriert und nahmen häufiger Unterstützungsangebote in Anspruch.

Diese Erkenntnisse legen nahe, dass gezielte Impulse zum Wachstumsdenken einen wichtigen Beitrag zur Chancengleichheit in Bildungseinrichtungen leisten können. (Yeager et al. 2016; Yeager et al. 2019)

Auch Carol Dweck demonstrierte in amerikanischen Schulen, dass Schüler, die gezielt mit einer wachstumsorientierten Haltung ans Lernen herangeführt wurden, ihre Mathematikleistungen deutlich verbesserten und ein positiveres Lernverhalten zeigten. (Blackwell et al. 2007)

Kurz gesagt: Wer an seine eigene Weiterentwicklung glaubt, verbessert nicht nur seine schulischen Leistungen, sondern stärkt auch sein Selbstbewusstsein und seine soziale Integration.

Die Art des Lobs ist entscheidend

Eine weitere Studie von Dweck macht deutlich, wie entscheidend die Art des Lobs für die Entwicklung einer wachstumsorientierten Denkweise ist. In ihrer Studie wurden Grundschüler entweder für ihre Intelligenz („Du bist so schlau!“) oder für ihre Anstrengung („Du hast wirklich hart gearbeitet!“) gelobt. Das Ergebnis war eindeutig: Kinder, die für ihre Anstrengung gelobt wurden, trauten sich eher an anspruchsvollere Aufgaben heran, waren ausdauernder und zeigten eine höhere Frustrationstoleranz (Mueller & Dweck, 1998).

Das bedeutet konkret: Statt „Du bist ein Naturtalent!“ hilft es viel mehr zu sagen: „Du hast dich richtig angestrengt – das sieht man!“ So lernen Kinder, dass Erfolg nicht von angeborenem Talent abhängt, sondern von Einsatz und Durchhaltevermögen.

Fazit zur Studienlage

Zahlreiche Studien belegen mittlerweile die positiven Auswirkungen einer wachstumsorientierten Denkweise – sowohl im schulischen als auch im psychologischen Bereich. Doch während die Grundprinzipien gut verstanden sind, besteht bei gezielten Interventionen noch Forschungsbedarf, da bisherige Ergebnisse nicht einheitlich ausfallen (Yeager & Dweck, 2020; Macnamara & Burgoyne, 2022).

Das bedeutet jedoch keineswegs, dass die Denkweise unveränderlich ist. Wie die Studie zur Wirkung von Lob zeigt, können bereits kleine Anpassungen in unserer Sprache einen großen Einfluss darauf haben, wie Kinder über ihre eigenen Fähigkeiten denken – und damit ihr Lernen und ihre Entwicklung positiv beeinflussen.

Warum ist Wachstumsdenken im Schach wichtig?

Schach ist ein Spiel voller Herausforderungen – genau wie das Leben. Jeder Fehler kann zu einer Niederlage führen, doch gerade diese Fehler bieten die besten Lernchancen.

Erfolgreiche Schachspieler sehen eine verlorene Partie nicht als Zeichen mangelnder Begabung, sondern als wertvolles Feedback:

„In welchen Bereichen (z.B. Eröffnung, Mittelspiel, Endspiel) kann ich mich verbessern? Ist mein Zeitmanagement optimal? Sollte ich einen größeren Fokus auf Taktiken oder Positionsspiel legen?“

Eltern können ihre Kindern dabei unterstützen, indem sie nach einer Partie die richtigen Fragen stellen. Statt „Warum hast du verloren?“ hilft es viel mehr zu fragen: „Was hast du aus dieser Partie gelernt?“ Diese einfache Veränderung in der Kommunikation lenkt den Fokus von Frustration hin zum Wachstum – und zeigt, dass nicht die Niederlage zählt, sondern der Lernprozess.

Wachstumsdenken im Schach fördern: Tipps für Eltern und Trainer

Damit Kinder im Schach eine wachstumsorientierte Denkweise entwickeln, können Eltern und Trainer gezielt folgende Ansätze nutzen:

  1. Fehler als Lernchance begreifen

    • Besprecht gemeinsam verlorene Partien und lobt die Anstrengung, nicht nur das Ergebnis.
    • Stellt Fragen wie: „Was würdest du in einer ähnlichen Situation nächstes Mal anders machen?“
  2. Den Fokus auf den Prozess legen

    • Ermutigt eure Kinder, regelmäßig zu trainieren und sich realistische Ziele zu setzen.
    • Feiert zusammen Fortschritte – unabhängig von Sieg oder Niederlage.
    • Arbeitet mit Zwischenzielen: Statt nur das Endziel („Ich will gewinnen“) in den Mittelpunkt zu stellen, helfen kleinere Ziele wie „Ich möchte heute eine neue Eröffnung ausprobieren“ oder „Ich will meine Bedenkzeit besser nutzen“.
  3. Inspirierende Vorbilder zeigen

    • Erzählt euren Kindern von Schachspielern, die durch hartes Training erfolgreich wurden.
    • Großmeister wie Magnus Carlsen oder Judit Polgár sind perfekte Beispiele dafür, dass Erfolg nicht allein auf Talent beruht, sondern durch jahrelange Arbeit und Liebe zum Spiel wächst.

Fazit

Eltern können ihre Kinder unterstützen, indem sie eine wachstumsorientierte Denkweise fördern. Ob im Schach oder im Leben – es kommt nicht darauf an, ob man gewinnt oder verliert, sondern wie man mit Herausforderungen umgeht.

Kinder, die lernen, ihre Anstrengung über das Ergebnis zu stellen, entwickeln nicht nur mehr Freude am Lernen, sondern auch eine stärkere Resilienz für zukünftige Herausforderungen.

Wachstumsdenker sehen jedes Hindernis als Chance – auf dem Schachbrett und darüber hinaus.

Quellen

  1. Teaching a lay theory before college narrows achievement gaps at scale, D. S. Yeager et al. (2016)

  2. A national experiment reveals where a growth mindset improves achievement, D. S. Yeager et al. (2019)

  3. Implicit Theories of Intelligence Predict Achievement Across an Adolescent Transition: A Longitudinal Study and an Intervention, L. S. Blackwell, K. H. Trzesniewski, C. S. Dweck (2007)

  4. Praise for intelligence can undermine children's motivation and performance, C. M. Mueller, C. S. Dweck (1998)

  5. What Can Be Learned from Growth Mindset Controversies?, D. S. Yeager, C. S. Dweck (2020)

  6. Do growth mindset interventions impact students' academic achievement? A systematic review and meta-analysis with recommendations for best practices, B. N. Macnamara, A. P. Burgoyne (2022)